Vom Wachsen und Werden

Die Zeit verging wie im Flug und ich will es noch gar nicht wahr haben, dass wir schon Bergfest feiern. Fast ein Jahr Rostock hinterlässt tiefe Spuren, denn ich habe noch nie zuvor so viele Erfahrungen und Entwicklung gemacht, wie in den letzten 10 Monaten. Neue Stadt, neues Studium, neue Menschen und jede Menge Herausforderungen, an denen ich tatsächlich wachsen konnte. Ich bin an Grenzen gestoßen und konnte sie überwinden um festzustellen, dass ich zu viel mehr in der Lage bin, als ich mir eigentlich zugetraut hätte. Jetzt ist die Hälfte der Zeit herum und ich wünsche mir, wir hätten noch viel länger die Möglichkeit zu lernen, zu entdecken und zu spielen. Das, was ich hier mache, ist absolut perfekt und ich kann wirklich dankbar dafür sein.

Ich versuche, zusammen mit Franky „My Way“ zu singen, aber es gelingt mir nicht. Ja, ich habe gelernt, meinen Weg zu gehen und Stellung zu beziehen, aber das hat nicht immer nur positive Auswirkungen. Und wenn sich die Wogen ein wenig geglättet haben, wächst die Frage, ob ich mich immer richtig entschieden habe. „Fehler machen“ ist ein wichtiges Thema, denn aus Fehlern kann man jede Menge lernen. Was aber, wenn die wichtigste Entscheidung ein großer Fehler war? Ich bin mir nicht sicher. „Positionieren Sie sich.“
Es war noch nie so schwer, einen Brief zu schreiben.

Morgen Abend ist Halbzeit. Die Zeit vergeht einfach viel zu schnell.

Vorwärts in die Vergangenheit

Ich sitze im Gang der Hochschule und es ist, als ob die Zeit zurückgedreht wurde. Vor einem Jahr saß ich genau hier, aufgeregt und nervös, und wartete mit anderen Bewerbern auf die Entscheidung, wer von uns in Zukunft an der Hochschule für Musik und Theater studieren darf. Diesmal sitze ich hier, weil ich einen Studienplatz bekam und nun die neuen Bewerber begleite. Aber das Gefühl von damals ist wieder da, ich bin aufgeregt, bemitleide jeden, der eine Absage bekommt und freue mich mit denjenigen, die eine Runde weiter dürfen und letztendlich eine Zusage bekommen. Es sind zwei aufregende und spannende Tage. Ich lerne viele tolle Menschen kennen, die interessante Geschichten zu erzählen haben und fiebere mit, wer es denn am Ende schaffen wird. Zum Schluss sitzen wir gemeinsam mit einem Bier im Hof und ich stelle fest, wie schnell die Zeit für mich vergangen ist.

Das war gestern. Und heute: so viele tolle Augenblicke das letzte Jahr für mich bereit hielt und so spannend die letzten Tage waren, empfängt mich eine seltsame Leere. Die vergangenen Tage haben mich sehr angestrengt, ich muss mich ausruhen und liegen bleiben. Körperliche Wunden heilen nicht so schnell, wie ich es mir wünsche. Das gleiche gilt für seelische Kratzer, die sich immer wieder bemerkbar machen, wenn es keine Ablenkung mehr gibt und um mich herum alles still wird.
Der kommende Sommer wird wohl der beschissenste meines Lebens. Wenn Ende der nächsten Woche die Semesterferien beginnen und fast alle Rostocker Freunde wegfahren, bleibe ich mit gebrochenem Bein und einem Gefühl von Hilflosigkeit hier zurück. Wann ich wieder fit bin und nach Hause fahren kann, vermag mir im Moment niemand zu sagen.
Es tut gut, mir den Frust von der Seele zu schreiben und letztendlich ist alles auch gar nicht so schlimm, wie ich es in Momenten wie diesem empfinde.

Also bleibt mir nur übrig, geduldig zu bleiben und mich darauf zu freuen, wenn ich endlich auf beiden Beinen zum Bahnhof laufen und für ein paar Tage in die Heimat fahren kann. Wann immer das sein wird.